Hallo Liebe Toffifee
zunächst einmal… wie du sagst, es sind noch fünf Monate bis dahin. Deine Tochter sollte diese Zeit geniessen und sich jetzt noch keine Sorgen darüber machen. Ich habe gerade mit meiner Tochter gesprochen und sie hat ganz klar bestätigt, dass es so sein wird: Je näher der Tag kommt, desto mehr wird das beklemmende Gefühl Raum einnehmen. Wie man damit umgeht, ist vermutlich sehr individuell. Im Rückblick sagt sie, dass es nicht nur der Abschied von Freunden und der Gastfamilie ist, sondern auch das Bewusstsein, dass dieses einmalige Abenteuer nun zu Ende geht. So etwas erlebt man nur einmal im Leben, besonders in so jungem Alter. Und auch wenn man später vielleicht Work & Travel macht oder im Ausland studiert, wird es nicht dasselbe sein. Diese Erfahrung ist einzigartig und einmalig.
Für meine Tochter war dieser Gedanke zusätzlich sehr belastend. Sie sagt auch, dass die Familie immer ein Teil ihres Lebens bleiben wird. Sie kann sie jederzeit besuchen. Einige wenige Freundschaften pflegt sie immer noch (natürlich nicht alle), und sie wird auch die Gastfamilie oder die Freunde besuchen können. Aber der Schulaustausch mit 16 Jahren in einer „fremden Gastfamilie“ in einer anderen Kultur, das geht zu Ende. Sie hat dort wirklich gelebt und war fest ins System integriert. So etwas kommt in dieser Form nicht wieder.
Aus unserer Sicht als Eltern haben wir uns die gleichen Gedanken gemacht. Einerseits haben wir die Empfindung des Abschieds mit ihr geteilt, andererseits haben wir uns so sehr darauf gefreut, sie wieder in die Arme schliessen zu können. Der Gedanke, uns auf sie zu freuen, aber sie eigentlich nicht wirklich nach Hause kommen will, war sehr speziell. Als wir im Sommer dann selbst dort waren und sahen, wie der kleine Gastbruder (5 Jahre alt) freudestrahlend und weinend auf sie zugestürmt ist, brach es fast unser Herz. Wie konnten wir so etwas trennen? Für den Kleinen war unsere Tochter eine Schwester, die zur Familie gehörte. Für ihn war es einfach so, dass seine Schwester einfach ein Jahr in der Schweiz war und jetzt sie wieder nach Hause kommt. Zu wissen, dass wir diese Trennung noch einmal durchmachen müssen, war nicht einfach.
Aber das gehört auch zu dieser Erfahrung des Schulaustauschs. Zurückzukommen, sich wieder zu Hause zurechtzufinden und den Culture-Reverse-Shock zu verarbeiten, wenn er dann wirklich kommt. Die Verarbeitung des Austausches findet dann noch einmal statt.
In dieser Zeit der Rückkehr kann man wirklich wenig tun. Meine Tochter sagt gerade: Verständnis hilft. Verständnis dafür, dass die Verarbeitung und die Freude über die Rückkehr auf beiden Seiten nicht gleich gross sind. Es ist nicht persönlich, sondern einfach die Tatsache, dass es vorbei ist. Sie hat sich sehr gefreut, uns wiederzusehen, aber sie hätte sich auch nicht unbedingt gewünscht, dass dies zu Hause sein muss.
Noch ein Hinweis meiner Tochter: Die ganzen Abschiedsgeschenke für all die Menschen vor Ort zu besorgen, ist ein Prozess, der den Abschied einleitet und begleitet. Für sie hat das geholfen, weil es auch schön war, all diese Gedanken und Ideen für diese Gesten zu sammeln. Der Abschied wird sowieso tränenreich. Sie hat fast die ganze letzte Woche vor der Abreise geweint, weil auch Freunde und Familie immer noch Dinge erledigen oder organisieren wollten – das letzte Mal… das letzte Mal bei den Grosseltern, das letzte Mal im Sportclub, das letzte Mal irgendwo feiern gehen usw. Das zog sich sehr hin.
Bei der Heimreise, als sie dann die anderen Austauschschüler wiedertraf, haben sie in den etwa 19 Stunden Rückreise fast zehn Stunden zusammen geweint. Das war fast die beste Art der Verarbeitung, weil nur diese anderen Austauschschüler genau nachvollziehen konnten, was in ihnen vorging.
Ich weiß jetzt nicht, ob dir das hilft oder eher noch mehr gemischte Gefühle hervorruft. 
Lieber Gruss
Domnick