Probleme mit Gastfamilie / mache ich was falsch?


#1

Ich bin jetzt seit 5 Monaten in Kanada (bleibe für ein Jahr) und obwohl meine Gastfamilie im Großen und Ganzen ganz nett ist, gab es vor allem mit meiner Gastmutter schon von Anfang an ein paar Auseinandersetzungen. Ich gebe immer mein Bestes, Streit zu vermeiden, helfe so gut ich kann im Haushalt mit (mein Zimmer ist zwar etwas unordentlich, aber weitaus nicht so schlimm wie das meines Gastbruders) aber ich habe das Gefühl, dass meine Gastmutter mich nicht besonders mag und schnell genervt von mir ist. Sie und meine Gastgeschwister sind oft nicht zuhause und ich versuche deswegen häufig was mit Freunden oder so zu planen, damit ich nicht den ganzen Tag alleine im Haus rumhocke. Vor einigen Tagen wollte ich dann mit einer Freundin in die Mall und meine Gastmutter meinte zu mir, sie wollten Abends zu so einer Art Kunst-Workshop in der Kirche, dass ich mitkommen solle und dass sie so um 5:30 uhr losfahren würden. Ich hatte auch wirklich Lust darauf und meinte dann, dass ich bis dahin zurück sein würde. Dann bekomme ich um 4:30 einen Anruf von ihr, dass sie mich in 5 Minuten zuhause abholen würden und ich musste ihr leider absagen, da ich noch in der Mall war und es nicht so schnell zurückschaffe. Anschließend hatten sie und meine Gastschwester mir vorgeworfen, ich hätte die Pläne einfach vergessen, da sie doch gesagt hätten, es würde um 5:30 ANFANGEN, wewegen wir früher losfahren müssten. Ich hatte es zwar definitiv anders verstanden, aber wollte auch nicht weiter diskutieren, deswegen hatte ich mich einfach entschuldigt und es dabei belassen. Heute bin ich Nachmittags nochmal spazieren gegangen und meine Gastmutter meinte zu mir, wir würden um 6 uhr Abendessen, also meinte ich, ich würde um 6 zurücksein, womit sie einverstanden war. Ich hatte zwar vor, zur Sicherheit etwas früher wieder da zu sein, aber Dank des Wetters und den rutschigen Straßen hatte ich mir nochmal toll das Knie aufgeschlagen, was das Ganze etwas schwieriger machte. Ich war allerdings immernoch um 6 zuhause, bloß um damit konfrontiert zu werden, dass sie schon gegessen hatten und meine Gastmutter “sehr enttäuscht” von mir wäre, da wir ja gerade das Gespräch mit dem zu spät kommen hatten (ist mir allerdings auch wirklich nur diese beiden Male passiert), wobei ich ja nicht wissen konnte, dass sie früher essen würden. Ich verstehe natürlich, dass Verspätungen nie gut sind und dass ich nicht ganz unschuldig bin, aber es passiert auch relativ häufig, dass ich mich einfach normal verhalte und meine Gastmutter plötzlich wegen irgendwas sauer ist. Zum beispiel hatte sie sich einmal beschwert, dass ich keine Brownies mit zur Schule genommen habe, weil die ja gegessen werden müssen und als ich dann am nächsten Tag einen Brownie mit zur Schule nehmen wollte, meinte sie plötzlich ich solle nicht so ungesund essen. Ich kann halt einfach schlecht einschätzen, was sie von mir erwartet und es stresst mich einfach, dass ich jeden Moment etwas falsch machen könnte, ohne es zu wissen. Ich mag es echt nicht, wenn sie wütend auf mich ist, da es mit der Gastmutter natürlich auch nochmal etwas anderes ist als mit der richtigen Mama (mit der ich mich übrigens nie streite und sie ist auch ein ganz anderer Mensch als meine Gastmutter… Ich bin da warscheinlich einfach was anderes gewohnt). Ich bin jetzt ja schon 5 Monate hier und es ist jetzt auch nicht so schlimm, dass ich es hier überhaupt nicht aushalten kann, deswegen möchte ich die Familie auch eigentlich gar nicht wechseln, aber ich habe einfach das Gefühl, dass sich immer alle super gut mit der Gastfamilie verstehen und Jahrelang bei ihnen wohnen könnten und das ist bei mir nun nicht der Fall. Um ehrlich zu sein, wenn ich morgen wieder zurückfliegen müsste, würde ich zwar die Schule und einige Freunde hier vermissen, aber ich würde mich darauf freuen, wieder zuhause zu wohnen. Ist das schlimm? Ich habe echt Angst, dass alle anderen ein viel besseres Auslandserlebnis haben und ich es “verschwende”, weil, obwohl ich hier schon Spaß habe und auch viel lerne, bei mir nicht ständig alles super gut läuft und ich nicht jede Sekunde voll und ganz genieße. :frowning_face:


#2

Hallo Cyan,
für mich klingt es nicht danach, als würdest du etwas falsch machen. Es kann auch nicht sein, dass du hinsichtlich deiner Gastmutter wie ein Kaninchen vor der Schlange stehst, ständig in der Angst, den nächsten Fehler zu machen. Es scheint aber tatsächlich ein Problem zwischen euch beiden zu geben. Wenn du also nicht die nächsten Monate weiterhin in dieser Hab-Acht-Stellung verbringen möchtest (das nicht zu wollen wäre absolut nachvollziehbar) würde ich das konstruktive und klärende Gespräch suchen. Das darf durchaus ein Gespräch auf Augenhöhe sein. Darum würde ich sie bitten und zwar mit dem Hinweis, dir läge etwas auf dem Herzen und da sie ja zu Anfang eurer Zeit gesagt habe, du könntest sie jederzeit ansprechen (hat sie doch bestimmt getan, oder? oder du das Gefühl hättest, auch mal vertrauensvoll mit ihr sprechen zu können ;-)) würdest du das jetzt gerne einmal in Anspruch nehmen. Verabredet euch für das Gespräch und geh vor allem du vorbereitet hinein. Daher ist es wichtig, dass noch ein wenig Zeit zwischen der Bitte und dem Gespräch liegt und vor allem, dass auch wirklich Zeit für genau dieses Gespräch ist und nicht zwischen Tür und Angel und mal eben zwischendurch gequatscht wird. Frag sie, wann es ihr am besten mal passt und sie ausreichend Zeit hat.
Sollte sich abzeichnen, dass sie eine Familiensession daraus machen will, würde ich sie bitten, zunächst mit ihr alleine sprechen zu können. Du solltest dir dann ein paar Stichworte machen und versuchen, schon die so zu formulieren, dass dein Anliegen nicht als Vorwurf rüberkommen. I. d. R. gelingt das, indem du von DEINEN Gefühlen sprichst und nicht ihre “Taten” in den Fokus rückst. Ich würde das genau für die Situationen vorformulieren, die du in deinem Posting geschildert hast. Was hast du getan, gedacht… wie hast du dich gefühlt… im Moment… und danach. Behalt aber ruhig auch im Hinterkopf, dass keiner von dir verlangen kann, dass du zu Hause hockst und wartet, ob man dich ruft… oder eben nicht. Du bist kein Hund. Auch das solltest du natürlich nicht sagen, sondern eben, dass du deinen Aufenthalt nutzen möchtest, um Land und Leute kennenzulernen. Am liebsten mit ihnen, aber wenn das nicht so ihrer Haltung entspricht würdest du eben auch andere Möglichkeiten finden und gerne nutzen. Vielleicht gibt es auch noch Dinge, die sie stören - auch sie sollte die Gelegenheit nutzen, das loszuwerden. Du darfst ihre Einwände dann ruhig erst mal überdenken, wenn du sie nicht sofort einsiehst. Du bist eine eigene Persönlichkeit und es ist nun mal so, dass nicht jeder jeden liebt. Allerdings sollte man als (fast) erwachsene Menschen Wege finden, gut miteinander auszukommen. Am Ende würde ich sie nach Vorschlägen fragen, was du ihrer Meinung verändern/verbessern solltest. Behalte dabei dennoch im Hinterkopf, dass du auch deinen eigenen Ansprüchen an ein Auslandsjahr gerecht wirst und dich nicht klein machst. Beide solltet ihr am Ende des Gesprächs das Gefühl haben, dass es gut,konstruktiv und vielleicht bereinigend war. Je nach Gesprächsverlauf könntest du noch vorschlagen, dass du euer Gesprächsergebnis niederschriebst und sie noch mal schaut, ob sie mit dir d’accord ist. Denn schließlich bist du kein native speaker und es kann durchaus sein, dass du etwas falsch verstanden hast. Selbst wenn du für dich weißt, dass es nicht so war. Dräng sie nicht in eine Ecke, in der sie Fehler zugeben muss, wenn sie kein Typ ist, der das kann. Wenn sie sich zukünftig anders verhält sollte das Ergebnis reichen. :wink: Wie es dann weiter geht mit euch daran würde ich messen, ob es bei dieser Familie für dich weitergehen kann oder ob du mal mit einer Vertreterin deiner Organisation sprichst. Du musst vor dieser Frau nicht buckeln! Ich drück die Daumen! :sunflower:


#3

Vielen Dank!! Das hat mich echt ermutigt :relaxed:
Sie hat mich seitdem auch nicht wieder darauf angesprochen und ist jetzt eigentlich wieder ganz freundlich, daher hoffe ich einfach mal, dass das Thema erledigt ist… Falls soetwas allerdings nochmal passiert, werde ich mal versuchen, ein Gespräch aufzusuchen, obwohl ich mich sowas normalerweise nie so richtig traue :sweat_smile: . Aber du hast Recht, wir haben nunmal unterschiedliche Persönlichkeiten (sie ist generell immer ziemlich launisch- was ja auch kein Verbrechen ist, ich weiss bloß meistens nicht so richtig, wie ich mit solchen Situationen umgehen soll) und da muss man mit der Kommunikation vielleicht etwas vorsichtiger sein. Ich versuche jetzt auch meistens per text message Pläne mit ihr zu vereinbaren, damit ich Notfalls einen “Beweis” habe. :wink:

lg


#4

Hallo,

wenn sich die Irritationen in Grenzen halten und das Positive ansonsten überwiegt macht es tatsächlich Sinn, auch mal die Faust in der Tasche zu ballen und zu schweigen. So hört sich das für mich jetzt an.

Ich bin früher selber mal längere Zeit im Ausland gewesen (allerdings in Südamerika); nun recherchiere ich als Mutter einer womöglich nächstes Jahr ins Ausland gehenden Tochter, was sich seitdem geändert hat.
Da auch die Austauschschüler von heute deutlich selbstbewusster und zum Teil auch anspruchsvoller geworden sind ist das so einiges. Entsprechend gibt es auch mehr Konfliktpotenzial.

Bzgl. der USA (und ich könnte mir vorstellen, dass es auch für Kanada gilt) hat die Carl Duisberg Gesellschaft übrigens noch einen interessanten Aspekt thematisiert:

Dort sei man es nicht gewohnt, dass Dinge ausdiskutiert werden. Gerade die Deutschen diskutieren aber für ihr Leben gerne und erst recht Heranwachsende. Persönlich finde ich das im Grunde gut, denn die jungen Leute sollen ja durchaus kritisch durchs Leben gehen und sich eine eigene Meinung bilden. Es ist aber schon auch ganz schön anstrengend; wie gesagt ich habe eine Tochter in dem Alter. :crazy_face: Und wenn man diese Diskussionen dann nicht gewohnt ist wie eben wohl die Nordamerikaner, stresst das u. U. einmal mehr.

Von daher tust du gut daran, dich zunächst zurückzuhalten. Dennoch bleibe ich dabei, dass man diese Haltung nicht bis zum Exzess bewahren muss und vor allem nicht, dass sie in Angst ausartet: Wenn du merkst, dass es dir dabei zunehmend schlecht geht, sich eine Negativerfahrung an die nächste reiht und du deinen Aufenthalt nicht mehr genießen kannst, solltest du das thematisieren.

Hier findest du übrigens die erwähnten Empfehlungen der CDG - wie ich finde, eine sehr gute Zusammenstellung, aus denen du auch für deine Herausforderung eine Menge mitnehmen kannst.

Alles Gute weiterhin und viele Grüße
Kirstin