Meine Tochter ist weg und ich im Elend!

#1

Hallo
Heute Morgen haben wir unsere Tochter zum Flughafen gebracht. Sie ist jetzt auf dem Weg nach Amerika. Ich bin am Boden zerstört. Wie konnte ich nur zulassen, dass sie für so lange Zeit in einem anderen Land leben wird. Ich bin überfordert damit, dass ich 10 Monate ihres Lebens verpassen werde. Ich halte es nicht aus, dass ein Platz am Tisch und ihr Bett leer bleiben. Ich habe nicht so grosse Angst davor, dass ihr etwas zustösst. Es ist wirklich einfach so, dass ich nicht damit umgehen kann, dass ein so grosses Loch in unserer Familie klafft. Ich kann mich kaum konzentrieren und wenn ich daran denke, dass ich heute noch aus dem Haus gehen und an zwei wichtigen Sitzungen teilnehmen muss, dann habe ich das Gefühl, mein flaues Gefühl im Magen und mein Brechreiz, könnte ich auch als Magendarm-Grippe ausgeben und einfach nicht hingehen…
Gibt es hier Leute, denen es auch so geht? Wie geht ihr damit um?
Liebe Grüsse, lila

#2

Liebe lila,
ich kann dich nur zu gut verstehen und leide mit dir. Meine Tochter ist seit Samstag unterwegs und ich komme aus dem Heulen nicht mehr raus. Dazu kommt, dass die Organisation meiner Meinung nach keinen so richtig guten Job macht und die Reise selbst eigentlich unzumutbar organisiert ist. Heute sitzt mein armes Kind nach ein paar Orientation-days in NY schon seit 6.00 Uhr alleine auf dem Flughafen, obwohl der Flieger erst kurz vor zwölf abhebt. Für mich als Mutter kaum auszuhalten. Ich bereue meine Erlaubnis für das Auslandsjahr zutiefst. Leider kann ich sie nicht mehr zurücknehmen. Ich hätte nie gedacht, dass mich das alles so umhaut. Ich selbst war als junge Twen 6 Monate in London und weiß, wie bereichernd so ein Aufenthalt ist. Aber mein armes Herz schmerzt und dieses Gefühl ist leider viel stärker als die Vernunft und das Vertrauen in den Veranstalter.
Momentan reagiere ich wütend, traurig, verzweifelt (daher dieser Beitrag). Mich tröstet, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht. Jetzt hoffe ich noch, dass ich schnell lerne mit der neuen Situation umzugehen und sich alles entspannt, wenn mein Kind endlich an ihrem Zielort angekommen ist und hoffentlich alles so toll ist, wie es von Deutschland aussah (? Zweifel). Wenn das nichts wird, suche ich die psychosoziale Beratungsstelle meines Arbeitgebers auf. 10 Monate in diesem Zustand. Das geht nicht.
Alles Gute
biego

#3

Hallo,
Mir geht es ähnlich und ich verstehe mich nicht. Ich freue mich ja einerseits für ihn, aber ich kann damit einfach nicht umgehen, dass er jetzt weg ist. Gestern am Flughafen war es erst noch ok, aber seit dem breche ich ständig in Tränen aus. Ich hab noch 3 jüngere Geschwistern hier, also eigentlich sollte es mir nicht langweilig werden. Aber es tut sooooo weh. Wird das irgendwie besser oder muss ich jetzt 10 Monate leiden?

Lg Anja

#4

Hallo ihr zwei
Wie geht es Euch? Mir viel besser. Wir skypen viel, ich kriege viel erzählt und das tut mir gut. Die Gastfamilie ist toll und wenn ich live sehe, dass alles bestens ist, kann ich gut damit umgehen.
Bin gespannt, wie es bei Euch so läuft.
Liebe lila

#5

Es wird nicht leichter ! Meine Tochter ist seit vier Monaten in Neuseeland , der Abschied war für mich furchtbar und noch immer leide ich darunter , dass meine 16jährige Stella fort ist , wie am ersten Tag! Vom Verstand her weiß ich , wie großartig diese Erfahrung für meine Töchter ist und bin stolz, dass mein Ex und ich ihr diesen größten Wunsch erfüllen konnten ! Mein Herz ist aber zugeschnürt , und ich ertrage es kaum , wenn mich Freunde fragen , wie es Stella in Neuseeland geht !
Ich komme mir egoistisch vor , weil ich so leide und sie lieber bei mir hätte, statt auf der anderen Erdseite. 11 Stunden Zeitunterschied , ich vermisse mein Kind so sehr ! Und inzwischen meldet sie sich kaum noch . Wenn ich nicht vehement darum bitte , per sms , kommt von ihrer Seite nichts . Manchmal zwei Wochen kein Zeichen. Ich halte mich bewusst zurück, Simse nicht , wie sehr ich sie vermisse , sondern frage nur , wie es geht , was sie beschäftigt , dann kommt ein kurzes “ alles okay , Mami “ und das war es !
Wer hat ähnliche Erfahrungen von Euch ? Wie oft sollte man sein Kind kontaktieren ?

Und ist sie wirklich glûcklich , wenn sie es so kurz sagt ? Jetzt habe ich sie nach Freundinnen gefragt und ob sie auch einen Schwarm hätte ? Damit war der Chat dann beendet . Ach Mama, sagte sie ! Und war offline !

Mist ! Ich bin zu Umzeiten wach , um meine Tochter überhaupt mal zu erreichen am Tag !
Es heißt ja, wenn man nichts hört, ist alles in Ordnung…
trotzdem … ich wünschte , sie wäre erst nach dem Abi gegangen und nicht jetzt , aber sie war so besessen und ihr Vater (wir leben getrennt ) unterstützte ihren Wunsch , dass ich mich zurück nahm und zustimmte .

Ich weiß , dass ich loslassen muss , es geht ja nur darum , dass ich hier jemanden finde , dem es ähnlich geht , denn Außenstehende schütteln nur mit dem Kopf , wenn ich gestehe , dass ich Sehnsucht habe und sagen , wie toll das für die Entwicklung meiner Tochter ist . Stimmt bestimmt , aber muß man sein Kind so frûh aus dem Nest werfen, damit sie selbstständig und widerstandsfähig fürs spätere Leben werden ? Und ist es wirklich so toll , plötzlich bei wildfremden Menschen einzuziehen , die dann Gasteltern sind mit einem fremden kulturellen Hintergrund ?

Meine Tochter sagt , es sei toll . Ich frage mich , ob sie es nicht auch sagt , weil es keine Alternative gibt. Sie weiß , wieviel Streit es zwischen Uns, (Ex und mir ) gab, weiß , dass wir einen Kredit aufnehmen mussten , weiß , wie sehr ich sie vermisse ! Wenn sie jetzt sagen wûrde , dass es doch anders ist , als gedacht , würde sie sich schlecht fühlen , ich kenne meine Tochter , die durch die Scheidung eh schon viel zu früh Verantwortung übernahm , um zwischen den streitenden Eltern zu vermitteln .

Ihr merkt , es steckt mehr dahinter , als nur der Austausch , ich habe manchmal auch Angst , dass dies ihre Flucht aus dem Ehedrama in ein besseres Leben bedeutet und fürchte, dass sie womöglich nicht mehr zurück will .
Würde mich sehr freuen , eure Meinung zu meinem Thema zu erfahren ! Muss ich zum Therapeuten oder ist mein Kummer noch nachvollziehbar ? Wem geht es ähnlich ?

#6

p.s: mir hilft es schon , wenn ich von Euch erfahren würde , wie oft Eure Kinder sich bei Euch melden ? Und ob man schreiben darf , dass man sehnsucht hat ?! Ich denke nämlich auch , dass es doch unnatürlich wáre, wenn man als Mutter nur noch sagt , wie stolz man sei,dass sie oder er weg ist , klingt ja so , als würde man sein Kind gar nicht lieben ? Meine Tochter schrieb , dass ich ihr nicht schreiben soll, dass ich sie vermisse , Papa würde sie mehr befördern , weil er ihr immer sagt , wie stolz er sei, dass sie so selbstständig und mutig sei. Dann ist es wohl besser , die Gefühle der Sehnsucht für sich zu behalten ? Richtig ? Fühle mich schlecht , so emotional schwach zu sein ! Aber Ihr versteht mich doch , oder ?

#7

Allein, dass ich mich hier so ausbreite und rum jammere , beschämt mich gerade , als ich meinen Text gerade nochmal lass. Und ich hoffe nur, dass meine Tochter nicht auch in diesem Forum unterwegs ist und sich bzw. mich entdeckt .

Nun ist es aber raus und mein Kummer ist so groß , dass ich ihn aufschreiben musste , in der Hoffnung Anregungen und Rat von Gleichgesinnten zu erfahren und es würde mir so sehr helfen , wie Ihr mit der Situation umgeht ! In meinem Freundeskreis sind sonst keine Kinder im Austausch für ein Jahr weg , was die Sache nicht einfacher macht , im Gegenteil , die Tochter meiner engsten Freundin , war mit Stella in einer Klasse . Jetzt sehe ich Merle also weiterhin , kriege mit , wie sie zur Schule geht und mit Birte (meine Freundin und die Mutter von Merle ) shoppen geht und eben den Alltag teilt und denke erst recht , dass meine Stella jetzt am Ende der Welt lebt und ich nicht weiß, was sie macht und ob es ihr gut geht ? Wenn ich nachts marodierende , angetrunkene Jugendliche auf der Straße sehe oder brüllend im Bus , frage ich mich , wer meine Tochter wohl beschützt , nachts ? Ob sie wohl auch auf Partytour geht und eben keine Mutter oder kein Vater kontrolliert , ob sie heimlich raucht , trinkt etc…wir waren ja selbst mal 16 , aber zum Glück gab es eine Mutter , einen Vater, der irgendwann als Kontrollinstanz den Riegel vorschob, bevor man im jugendlichen Leichtsinn völlig aus dem Ruder lief. Passen die Gasteltern auch so auf , wie die leiblichen Eltern? Und wie war das , als in Amerika versehentlich ein Hamburger Austauschschûler erschossen wurde , weil er für einen Einbrechen gehalten wurde ?

Nun , dies war ein dramatischer Einzelfall und ein tragischer Unfall - eine Ausnahme … ich sollte jetzt aufhören , mich in Rage zu schreiben . Sorry for this! Wenn ich so weiter texte, darf man sich zurecht fragen , warum ich meine Tochter überhaupt zum Austausch geschickt habe?

Frage ich mich ja auch ! Antwort : Weil es ihr sehnlichster Wunsch und Wille war und weil ich natürlich auch davon überzeugt bin , dass diese Erfahrung für ihr weiteres Leben nur von Vorteil für sie sein wird . Sie wird Englisch fließend sprechen , eine mittlerweile Grundvoraussetzung für die berufliche Zukunft . Für alle sozialen Skills ist es ein beschleunigter Reifeprozess! Ihr Charakter wird geschliffen , sie wird ihr Selbstbewusstsein festigen , ihre Grenzen kennenlernen , aber auch ihre Kraft und ihre Fähigkeiten entdecken , alleine - ohne support von mama und Papa - im Leben sich zurecht zu finden .

Und wärend ich dies formuliere , verschwindet gerade mein Selbstmitleid und Liebe und Stolz und Vernunft besiegen meine Sentimentalität !

Ich kann mir selbst die Antwort geben ! Ja , ich vermisse mein Kind und ja, es tut mehr weh , als ich gedacht habe - aber eine wirklich liebende Mutter und ein liebender Vater sehen ihre Kinder nicht als ihr Eigentum an , wollen nicht besitzen , sondern sind der Bogen , der die Kinder als Pfeile in das Morgen schießt !
Wer kennt nicht das grossartige Gedicht von
Khalil Gibran! Daran gemessen , ist mein Geheule eben doch unangemessen und kein Zeichen von Liebe , die liebende Mutter verzichtet und läßt los .

Eure Kinder sind nicht Eure Kinder.

Es sind Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.

Sie kommen durch Euch, aber nicht von Euch, und obwohl sie mit Euch sind, gehören sie Euch doch nicht.

Ihr könnt ihnen Eure Liebe geben, aber nicht Eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken.

Ihr könnt ihrem Körper ein Heim geben, aber nicht ihrer Seele, denn ihre Seele wohnt im Haus von morgen das Ihr nicht besuchen könnt, nicht mal in Euren Träumen.

Ihr dürft Euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie Euch ähnlich zu machen.

Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es beim Gestern.

Ihr seid die Bogen, von denen Eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.

Khalil Gibran

#8

Hallo Biene1,
Bist du am jammern? - Ja
Wehleidig, kontrollsüchtig, hysterisch, ? - ja
Wahrscheinlich nervst du dein Umfeld mit deinen Sorgen, Nöten umd den ganzen kleinen Informationen was Deine Tochter gerade macht, wie es ihr geht und was sie erlebt.

Mein Sohn war 2016 - 17 ein Jahr weg und ich kann es verstehen. Jede kleine Information ist Gold wert und man kann kaum nachvollziehen, dass andere es nicht genauso brennend interessiert was das Kind jetzt zum Frühstück isst wie einen selber. Man denkt sich die absurdesten Situationen aus in die das Kind kommen könnte, oder was ihm zustoßen könnte.
Zur Zeit planen wir das Auslandsjahr unseres Nesthäkchens und ich merke wie ich mich von den gleichen Gedankenstrudeln erfassen lasse wie damals. …
Es ist alles gut gegangen. Er hatte “die beste Zeit seines Lebens…” das hat er dieses Jahr im Sommerurlaub einem Iren erzählt, er war ein Jahr in Irland, als die zwei ins Gespräch kamen. Bei all den Sorgen und Gedanken die man sich macht darf man nicht vergessen, es könnte ihnen auch hier zu Hause was passieren…
Meine älteste Tochter reist gerade nach einem freiwilligen Sozialen Jahr in Bolivien mit dem Rucksack durch Südamerika. Wenn ich anfangen würde, auch nur im Ansatz zu überlegen was da passieren könnte, könnte ich mir die Kugel geben.

Sie sind so wie wir sie erzogen haben. Mutig und neugierig. Das ist der Preis.

Das du dein Kind vermisst ist normal. Aber wenn man etwas los lässt und es kommt zurück. Dann gehört es zu einem. Vermiss sie und sei stolz auf sie. Sie wird zurück kommen und wahrscheinlich nie vergessen was ihr ihr ermöglicht habt. (auch wenn es das ein oder andere gibt, was vielleicht nicht gut war. Daran wachsen sie)

O.k., jetzt hab ich ziemlich viel geschrieben. Auslöser war diese wunderbare Gedicht. Genau so isses.
Mitfühlende Grüsse
Espresso