Hallo zusammen! Ich und meine Familie überlegen, ob wir einen Gastschüler aufnehmen. Da wir Verbindung mit der Kultur haben, vor allem meine Tochter, würden wir wahrscheinlich einen japanischen Gastschüler aufnehmen. Ich bin allerdings skeptisch und würde deswegen gerne mal ein paar Erfahrungen mit Gastschülern, besonders mit japanischen oder asiatischen hören. Danke im Voraus!!
Hallo Jelly
Schön, dass ihr in Betracht zieht, einen Gastschüler aufzunehmen. Ich selbst habe damit zwar keine direkte Erfahrung, bin aber dennoch eng mit der japanischen Kultur in Berührung gekommen. Meine Tochter war ein Jahr als Austauschschülerin in Japan, und wir pflegen bis heute einen guten Kontakt zu ihrer Gastfamilie und deren Freunden. Wir haben sie auch persönlich besucht und bereits Besuch aus Japan bei uns gehabt. Allerdings ist das natürlich nicht ganz vergleichbar mit der Aufnahme eines Schülers über ein ganzes Jahr.
Monika ist ebenfalls hier im Forum aktiv und hat – wenn ich mich richtig erinnere – bereits zweimal japanische Gastschüler aufgenommen. Zudem ist ihre Tochter erst vor einem Jahr aus Japan zurückgekehrt.
Vielleicht sieht sie deinen Beitrag und kann dir aus erster Hand weiterhelfen.
Liebe Grüsse
Domnick
Hallo liebe Jelly,
ich finde toll, dass ihr überlegt einen Schüler aufzunehmen. Man lernt dadurch eine Kultur und sich selbst so intensiv kennen. Wir haben aktuell ein japanisches Kind bei uns, aber hatten auch schon welche aus anderen Ländern. Schön ist, wenn man nach Jahren ab und an mal von ihnen hört und merkt, was für einen bleibenden Eindruck der Aufenthalt bei ihnen hinterlassen hat.
Ich finde wichtig zu überlegen, wer gut zu einem passen würde. Sollte es wg. der Familiensituation oder des eigenen Charakters lieber jemand Selbstständiges sein? Dann vielleicht kein Japaner, lieber ein Nordeuropäer. Für unsere Schülerin ist es schwierig wirkliche Freunde zu finden. Sie hat aber einige Hobbies, dadurch wird es besser.
Das Leben in Japan scheint genau getaktet zu sein, mit wenig Einflussmöglichkeiten für die Kinder. Unsere Austauschschülerin braucht daher oft Anleitung von uns. Was ÖPNV angeht, ist sie sehr erfahren, da sie aus einer Großstadt stammt. Wir haben viel Glück, da unser Kind Interesse hat, Deutsch zu lernen. Durch die Aufnahme hatten wir die Gelegenheit, andere japanische Austauschschüler kennenzulernen. Wie alle Kinder waren sie äußerst unterschiedlich, aber es waren einige dabei, die nach langer Zeit hier wenig Deutsch sprachen. Relativ viele können auch nicht gut Englisch. In Japan scheint mit Lückentexten gelernt zu werden, weniger aufs freie Sprechen. Genausogut kannst du einen sprachbegabten, aufgeweckten Schüler erwischen.
Ich versuche möglichst meine Erwartungen herunterzuschrauben, was mir unterschiedlich gut gelingt.
Wenn ein eigenes Kind einen Austausch plant, ist es die beste Vorbereitung, um zu sehen, welche Verhaltensweisen was bewirken und wie wichtig Kommunikation ist. Wenn es selbst nach Japan möchte, wäre ein Japaner eine gute Wahl. Dass das eigene Kind die Sprache des Austauschschülers lernt, darf man dabei nicht erwarten, denn der Austauschschüler soll Deutsch lernen.
Bei der Auswahl haben wir darauf geachtet, ob es Bilder von der Familie oder nur von Freunden gibt. Wir möchten wirklich jemanden in die Familie integrieren und nicht nur Hotel / Taxi sein. In der Regel haben wir uns das Motivationsschreiben geben lassen, um etwas darüber zu erfahren, warum der Austausch gemacht wird. Es gibt viele Gründe dafür, manche finde ich weniger geeignet. Bei einigen Organisationen werden auch Videos genutzt. Das macht es leichter, einzuschätzen, ob jemand zu einem passen wird. Letztendlich ist es wie ein Überraschungsei: du weißt nicht, was unter der Schale steckt, aber es lohnt sich es zu entdecken.
Liebe Grüße
Hallo Krimskramsbiene!
Danke für deine Antwort und deine Tipps. Vor allem die Sprache finde ich wichtig, denn bei uns wäre es wichtig, dass unser Austauschschüler schon recht gut Deutsch kann.
Ich werde mir auf jeden Fall Zeit mit der Auswahl lassen, ich glaube nämlich, das Gelingen hängt nicht nur, aber viel davon ab, wer kommt und ob er zu unserer Familie passt.
Liebe Grüße
Liebe Jelly,
wir haben, wenn es um Sprachkenntnisse geht, gute Erfahrungen mit türkischen Schülern gemacht bzw. mit allen, die angeben in Deutschland später eine Ausbildung oder ein Studium absolvieren zu wollen.
Viele Grüße
Liebe Jelly,
Krimskramsbiene beschreibt es sehr gut. Gerade Japan ist kulturell extrem weit von uns entfernt und mitunter eine der schwierigsten Herausforderungen. Die wenigsten können überhaupt ein bisschen Deutsch, und wie schon erwähnt, sprechen sie trotz jahrelangem Englischunterricht in der Schule kaum Englisch. Das hat verschiedene Gründe: Einerseits wird Englisch im Unterricht oft nicht praxisnah vermittelt, andererseits sprechen viele Japaner ungern Englisch, wenn sie sich nicht sicher fühlen. Das ist Teil der typisch japanischen Art, nach Perfektion zu streben.
Zurückhaltung ist fest in der Kultur verankert, und direkte Kommunikation ist weder üblich noch erwünscht. Kritik wird kaum oder gar nicht geäussert. Vieles läuft über Gesten und das berühmte „Luftlesen“.
All das macht es natürlich nicht einfach. Unsere Tochter hat das alles selbst erlebt – allerdings in die andere Richtung. Ich vermute, dass es umgekehrt ähnlich schwierig ist. Gerade Freundschaften zu schliessen kann herausfordernd sein, da das direkte Ansprechen in Japan sehr zurückhaltend gehandhabt wird. Dass sie aus einer Grossstadt kommt, könnte es etwas erleichtern, da sie vielleicht moderner geprägt ist.
Was aber auch auffällt: Japanische Jugendliche zeigen sehr viel Engagement und geben nicht so schnell auf. Sie sind extrem pflichtbewusst und geben sich grosse Mühe.
Meine Tochter sagt gerade, dass sie sich an die Freiheit – also die persönliche Freiheit – gewöhnen muss. Dass sie wirklich aussprechen kann, was sie denkt und fühlt. Sobald diese Hürde überwunden ist, werden sie das sehr geniessen und schätzen. Viele wünschen sich genau diese Offenheit, die sie in Japan nicht haben. Das ist oft ein wichtiger Grund, warum japanische Schüler später gar nicht mehr nach Hause möchten. ![]()
Aber wie schon erwähnt: Es ist super, dass ihr euch Gedanken macht und noch nichts festgelegt habt.
Darf ich fragen, warum ihr bzw. eure Tochter sich jemanden aus Japan wünscht – und aus welchen Gründen?
Lieber Gruss
Domnick
Lieber Domnick,
es war eine spontane Idee, Gastfamilie zu werden. Meine Großmutter hatte eine enge Verbindung mit der japanischen Kultur und sprach fließend Japanisch und auch meine Tochter hat sich sehr viel damit beschäftigt.
Ich denke jedoch, dass wir es so halten werden, dass wir vielmehr danach Ausschau halten werden, ob die Beschreibungen der Gastschüler zu uns passen und nicht danach, aus welchem Land sie kommen.
Ich fände einen Gastschüler aus Japan spannend, weil es eben eine komplett andere Kultur ist und somit auch eine Herausforderung.
Nur der Punkt mit dem Deutsch ist wichtig, denn wir leben auf dem Land. Wenn unser Gastschüler z.B alleine einkaufen will, kommt er mit Englisch meist nicht weit.
Liebe Grüsse,
Jelly
Hallo Jelly
Aha, ja – da sehe ich natürlich die Verbindung zu Japan und verstehe euren Entscheid. Die Kultur ist wirklich extrem anders und, wie du erwähnt hast, auch herausfordernd. Das bedeutet aber gleichzeitig, dass der Mehrwert und die Erfahrung entsprechend wertvoll sein können.
Wegen der Sprache: Das ist natürlich schwierig, ich sehe es aber nicht unbedingt als Hindernis. Meine Tochter konnte kaum Japanisch und wurde einfach ins kalte Wasser geworfen. Die Gasteltern konnten weder Englisch noch Deutsch, und auch in der Schule war sie – von über 2000 Jugendlichen – die einzige Gastschülerin. Wie schon erwähnt, war Englisch dort keine Option.
Sie musste sich also ab dem ersten Tag rund um die Uhr mit Japanisch auseinandersetzen – oft mit Händen und Füssen. Aber genau dieser Umstand hat gezeigt, wie schnell sie die Sprache gelernt hat. Nach etwa sechs Monaten konnte sie sich bereits fast fliessend mit allen unterhalten. Das hätten wir nie gedacht. Für uns war die Sprache das grösste Hindernis bzw. Problem, aber es hat sich herausgestellt, dass es keines war.
Ich wollte das einfach auch mal erwähnen: Die Sprache muss nicht zwingend ein Killerkriterium sein.
Hallo Domnick!
Danke, das hilft sehr! Ich habe das tatsächlich nicht bedacht, aber natürlich lernt man schnell eine Sprache, wenn man jeden Tag von ihr umgeben ist.
Liebe Grüße
Hallo liebe Jelly,
wir sprechen alles direkt unverblümt an und es klappt gut. Wir behandeln sie wie unsere Kinder und packen sie nucht in Watte. In unserer Kultur ist das so und die Schüler möchten hier sein. Sie spricht auch über ihre echten Gefühle. Es ist sehr schön, wenn sich so ein vertrauensvolles Verhältnis entwickelt.
Es stimmt, das mit der Sprache kann man hinbekommen, wenn
- man nur Deutsch spricht (Englisch nur für Essentielles bzw google translator).
- das Kind die Sprache wirklich lernt und
- es sich nicht zurückzieht und
- es wenig Kontakt nach Hause / zu einheimischen Kontakten und Medien hat. Filme, TV schauen wir anfangs mit Untertiteln
Wenn nötig, schicken wir die Schüler in vhs-Kurse.
Es steht und fällt mit dem Schüler, man hat nicht unbedingt Einfluss darauf.
Unsere Schülerin kam als Wechslerin aus einer Gastfamilie, die kein Englisch konnte, nach drei Monaten zu uns und wir konnten uns von Tag eins an mit ihr unterhalten. Sie hat es geschafft, mit diesem Kenntnisstand zu philosophieren. Wirklich erstaunlich.
Wir ermuntern zum Sprechen, sagen, das es egal ist, wenn etwas grammatikalisch falsch sei. Alle Deutschen wissen, dass es schwierig ist, unsere Sprache zu lernen und freuen sich, wenn es jemand versucht. Meistens versteht man, was gemeint ist. Falls nicht, fragt man und das ist nicht schlimm. Wir wiederholen häufig das Gesagte in der richtigen Form, ohne belehrenden Tonfall. Es ist schön die Fortschritte zu erleben. Inzwischen sind auch Wortspiele möglich.
Es gibt aber Schüler, die keine Lust zum Sprachen lernen haben, Angst davor haben, etwas Falsches zu sagen oder, oder, oder. Wir hatten gerade eine Japanerin zu Besuch, die seit acht Monaten im Land ist und einfachste Fragen nicht versteht. Sie spricht schlechter Deutsch als unsere Schülerin am Ankunftstag. Ein richtiges Gespräch war fast nicht möglich.
Wenn es darum geht, alleine etwas einzukaufen: das schaffen sie. Wenn man ländlich wohnt, finde ich es für Schüler einfacher, weil sie Bekannte unkomplizierter wieder treffen können. Viele Austauschschüler kommen aus großen Städten und nicht jeder mag es ländlich.
Toll, dass sogar Eure Großmutter Japan-Bezug hat. Das wäre sicher sehr schön für einen japanischen Schüler.
Liebe Grüße