ich muss mir bitte schnell alles von der Seele schreiben.
ich bin gerade in las vegas, nevada. mir geht es nicht gut.
mir ist es peinlich, dass es mir nicht gut geht. ich habe viele freunde zu hause, bin jedes wochenende weg, gehe viel auf parties, bin Klassensprecher, hab einen freund zu hause, und, so wie es mir jetzt vorkommt, die besten Eltern der Welt. meine Schwester ist übrigens auch nicht schlecht.
und jetzt bin ich hier. alles, was ich das letzte Jahr über gemacht habe, war mich hierauf zu freuen. ich habs teilweise nur noch in Deutschland ausgehalten, weil ich wusste, dass ich bald fliege, weit, weit weg. ich habe es allen erzählt, meine freunde haben ne abschiedsparty organisiert, mit Limosine (!) und allem, und waren auch mit am Flughafen, ich hab richtig viele Geschenke bekommen. und jetzt, nach drei Monaten, will ich nach hause. ich komm mir vor, wie wenn ich versagt hätte.
aber auf der anderen Seite auch irgendwie nicht.
achja, unteranderem habe ich mich auch aufs atj gefreut, weil ich dann meinen fueherschein machen kann. ich habe mir extra eine organisation raus gesucht, bei der ds geht. cool, ich bin im einigsten Staat in dem es per Gesetz Austauschschülern verbohren ist, den fueherschein zu machen.
ich hab es probiert, oh ja, dashabe ich wirklich. ich war bei drei Gastfamilie, meine erste Gastfamilie war der Horror- kein essen, haus dreckig, gastbruder (21) kommt ins Zimmer wenn ich mich umziehe. meine zweite Gastfamilie war ne Notlösung. sie haben mir immer gesagt ja, sie behalten mich, sie hat zwar ne andere Familie gefunden (mein aerea rep war meine hostmum) aber ihr waer es lieber, wenn ich hier bleiben würde. gut, ich liebe es nämlich bei meiner aere rep! was passier? am Sonntag Abend kommt meine gastschwester ins Zimmer und sagt, dass sie mich dann morgen bei meiner neuen Familie abliefern und danach noch zu walmart fahren. ich hab es erst nicht geglaubt, doch dann haben die mich wirklich ‚rausgeworfen‘. jetzt bin ich bei ner Familie, und ich lieeebe meine Eltern, aber meine gastgeschwister sind schrecklich. meine gastschwester, 13, sagt immer wie hübsch sie ist, und wie hässlich ich bin und mein gastbruder geht in mein Zimmer und klaut mir meine Süßigkeiten wenn ich schlafe, der hat jetzt erstmal vier Wochen Hausarrest weil er erwischt worden ist. meine gastgeschwister schreien ihre Eltern an und haben wie ich finde eh keine Manieren. es lässt sich hier aushalten, sit tausendmal besser wie meine erste Familie, aber es ist anspruchsvoll, mit den Geschwistern umzugehen. achja, mein gastbruder hat mein iphone kaputt gemacht (runtergeworfen, screen kaputt und lässt sich nicht mehr einschalten)
ausserdem habe ich auch dreimal die schule gewechselt. das erste mal musste ich, weil meine aere rep am anderen ende von der Stadt lebt und ich gedacht habe, ich bleibe bei ihr. gut, hatte ich sowas wie freunde, gehe ich auf ne neue schule. auf dieser schule meint eine tunesianische Austauschschülerin, dass sie mich mobben muss. das geht so weit, bis sie sagt, wenn wir jetzt bei ihr zu hause wären, würde sie mich erschiessen. sie wird suspendiert, ich kann einfach nicht mehr auf die schule gehen, weil die allen andern lügen und so über mich erzählt hat, weil sie sauer war, und Wechsel schule nochmal. ich habe in drei Monaten dreimal schule gewechselt. ich fühle mich, wie wenn ich nirgendwo mehr hingehöre. ich kann jetzt auch schon mit ein paar Leuten in der schule reden und so. aber mein Highlight des Tages ist immer noch das Abendessen (und heute gabs Nudelsuppe aus der dose)
ich liebe mode ueberalles. ich habe mich immer ‚schön‘ oder ‚stylish‘ oder wie auch immer angezogen, das war mir sehr wichtig. highwaist Jeans, doc martens, cropped top. ich hatte einen persönlichen style. jetzt gehe ich jeden tag einfach mit hollister hoodie und schwarzer Jeans in die schule, damit andere nicht denken, ich bin komisch oder so. ich will nicht mehr auffallen, ich will mir mein leben nicht noch komplizierter machen. ich kenne hier eine Austauschschülerin aus Schweden. ich finde sie wunderwunderschön. sie zieht sich schön an und hat ihren eigenen Stil nicht verloren. sie hat viele freunde, ist im Volleyballteam und ist sehr selbstbewusst. ich bin so eifersüchtig auf sie. witzig, weil: ich habe mein komplettes Selbstbewusstsein verloren. ich war immer die lauteste und war immer sehr offen, ich habe meinen persönlichen Stil verloren, zieh einfach nur an, was hier alle anhaben, spiele seit sechs Jahren Volleyball bin aber nicht im team, weil ich mir als ich bei meiner ersten schule Volleyball try Outs war mein aussenband gerissen habe und jetzt, wo ich wieder normal laufen kann, ist die Saison fast vorbei und es wäre sinnlos, ins team zu gehen. ich habe das Gefühl, das atj hat bereits mehr kaputt gemacht als ich je gewinnen könnte. ich fühle mich einfach so schlecht- ich habe alles, was ich dache das mich auszeichnet verloren. ich habe es wirklich so sehr versucht! ich habe einfach keine Energie mehr. ich bin so eifersüchtig auf die Leute, die jeden tag Bilder posten und sagen, wie toll es bei ihnen ist. ich habe das Gefühl, dass es so bei mir nie werden kann. es scheint alles so hoffnugslos. ich habe mich noch nie so unlebendig gefühlt. ja, ich vermisse meine Heimat, sehr. aber es ist nicht das Heimweh, dass mich fertig macht.
ich sollte hier eigentlich bis Juni bleiben. ich glaube nicht, ich bin mir eigentlich sicher, dass ich es solange durchhalte. ich habe mir als ziel weihnachten gesetzt. aber ich weine fast jeden tag bevor ich einschlafe, weil ich weiss, dass ich morgen wieder in die schule gehen muss. ich kann hier nicht mehr bleiben. meine Eltern haben gesagt, dass es oke wäre, wenn ich nach hause kommen würde.
viele sagen, das ein Abbruch eine grosse Sache und nicht zu unterschätzen ist. ja, das verstehe ich. aber ich habe das Gefühl, alles hier gesehen zu haben. ich kenne jetzt das Schulsystem, die ganzen malls, die typischen Samstage und taco bell. ich weiss, das es noch viel mehr zu sehen gibt, aber ich mag mich selbst zu gern um mich aufzuarbeiten nur weil ich den grand cannion sehen will. vielleicht sollte es einfach nicht sein. ich habe auch begriffen, wie sehr ich meine Eltern liebe, und wie sehr ich es schätze, auf meine schule zu gehen und in meinem haus zu wohnen, an ein anständiges Verkehrssystem angeschlossen zu sein und sich einfach nicht komplett fehl am platz vorzukommen. ich habe bereits 80 Prozent meiner peròsnlichkeit verloren, und ich habe angst um den rest. ich bin so bereit nach hause zu fahren.
viele von euch würden jetzt wohl gerne schreiben: sei einfach du selbst, dann klappt das schon noch.
oder auch nicht. vielleicht bin ich selbst jetzt eben das, was aus mir geworden ist. vielleicht lache ich jetzt eben nicht mehr so oft, oder vielleicht sehe ich jetzt mein Spiegelbild anders als zuvor, aber es ist trotzdem noch ein und die selbe perosn. ich will mich nicht verbiegen, nicht mehr. und wenn ich jetzt, hier, in dieser situation Sachen sage, die ich früher gesagt hätte, komme ich mir vor, wie wenn ich leugne würde. ich kann nicht mehr. ich will nach hause.
ich schicke das als anonymer Autor ab, weil mir das so peinlich ist. ich habe versagt. juhu. ich war mir so sicher. mein ganzes leben war ich mir sicher, dass wenn jemand für diese situation geeignet ist, dass das dann ich bin. tja. fail.
ich weiss nicht was ich tun soll, damit ich es zumindest bis weihnachten schaffe. mir geht es richtig schlecht. ich würde einfach nur gerne mit Leuten reden, die das durchgelesen haben und somit das potential haben, zu verstehen, was ich meine, wie es mir geht. ich habe das noch nie jemanden gesagt, zumindest nicht so detailliert. ich bin einfach enttäuscht, von mir, von meiner organisation und vokalem von Amerika.
ich mache mir einfach dauernd so vorwürfe, ich heatte ne andere organisation nehmen sollen, oder auf ne Privatschule gehen, oder aufs internet, oder nach england oder oder oder… ich bin einfach so kaputt. und trotzdem will ich, dass ich das jahr überstehe. irgendwie.